Operation Züchtigung
Der 16. Mai 1943 war ein Muttertag, sonnig und mild. Trotz der Auswirkungen des Krieges versuchten die Menschen am Möhnesee ihn zu einem schönen Tag zu machen. Niemand von ihnen ahnte, welches Inferno in der Nacht über sie hereinbrechen würde. Um 0.15 Uhr eröffneten britische Bomber ihren lange geplanten Angriff auf die Möhnetalsperre. Beim sechsten Anflug gelang ihnen der todbringende Treffer. 1600 Menschen starben in einer tsunamigleichen Flutwelle.
Seit 1913 war die Möhnetalsperre fertiggestellt und versorgte das industrialisierte Ruhrgebiet mit Trinkwasser und Strom. Schon seit Ende des 19. Jahrhunderts galt die Region als Waffenkammer des Reiches. Die Rüstungsproduktion im Dienst der deutschen Wehrmacht sollte durch den Zusammenbruch der Wasser- und Stromversorgung entscheidend geschwächt werden. Der Angriff auf die Staumauer der Möhnetalsperre wurde vom britischen Militär über Jahre akribisch vorbereitet. Die Entwicklung einer speziellen Rollbombe war notwendig, um die angebrachten Verteidigungssysteme zu überwinden. Einem hüpfenden Stein gleich, sollte sie die Netze überspringen und nach dem Aufprall auf die Staumauer im tiefen Wasser explodieren. Der am Möhnesee zum Einsatz gebrachte Bombentyp enthielt 2600 kg Sprengstoff. Damit die vorausberechnete Rotationsbahn wirklich an der Staumauer endete, musste der Sprengkörper exakt bei einer Flughöhe von 18,29 m und der Geschwindigkeit von 354 km/h abgeworfen werden.
Nach wochenlangem Training an englischen Talsperren startete in der Vollmondnacht vom 17. Mai der Angriff auf die Staumauer am Möhnesee. Nach fünf vergeblichen Anflügen, dem Verlust einer Maschine und einem schweren Schaden an einer zweiten, gelang den Briten im sechsten Versuch der entscheidende Treffer. Aus einem kleinen Riss entwickelt sich innerhalb kurzer Zeit ein trapezförmiger Durchbruch von 76 m Breite und 23 m Höhe. Die ungeheure Flutwelle zerstörte das untere Möhnetal und das Ruhrtal zwischen Hengsteysee und Neheim. Die Kleinstädte Neheim-Hüsten und Wickede waren verheerend getroffen, einzelne kleine Dörfer komplett zerstört. Die Verwüstung war immens. Wasserwerke und Elektrizitätswerke waren überflutet und die Versorgung der Industriestandorte über Wochen schwer gestört.
Vernichtet war jedoch die Lebensgrundlage der Zivilbevölkerung. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen waren überflutet und vermüllt, das Nutzvieh ertrunken. Die gewaltigen Umweltschäden machten der Bevölkerung über Monate selbst einen bescheidenen Alltag unmöglich. Für die Regierung war allerdings der Neuaufbau der Möhnetalsperre wichtiger als die Leiden der Zivilbevölkerung. Neben der Wiederherstellung der Versorgung musste die politische Dimension des britischen Erfolges unter Kontrolle gebracht werden. Mit einem großen Einsatz von Arbeitskräften begannen die Aufräum- und Bauarbeiten. Wehrmachtstruppen, technischer Nothilfe und Tausenden von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen gelang es innerhalb von vier Monaten die Staumauer wieder komplett zu schließen.
Die Bombardierung der Möhnetalsperre ist in das kollektive Gedächtnis der Menschen am Möhnesee eingebrannt. Denkmäler in Neheim und am zerstörten Kloster Himmelspforten erinnern an die 1600 Toten. Allein 1000 von ihnen waren unkrainische Zwangsarbeiterinnen, die in einem Lager nahe dem Möhnesee interniert waren. Zu Hitlers Zeiten wurde ihr Sterben unterschlagen, heute haben sie einen festen Platz in der Gedenkkultur.